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Dr. Digi: Arbeits- und Gesundheitsschutz unter digitalen Vorzeichen

Mitbestimmung 4.0: Arbeits- und Gesundheitsschutz

„Gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen entstehen nicht im Selbstlauf, sondern setzen auf unterschiedlichen Ebenen handlungsmächtige wie arbeitswissenschaftlich kompetente und kooperierende Akteure voraus […].“

Zu dieser Einschätzung kommen Anja Gerlmaier und Laura Geiger in der 02/ 2018-Ausgabe des IAQ-Reports mit dem Titel: „Produktionsarbeit in Zeiten von Industrie 4.0: Was wissen Unternehmen und Beschäftigte über eine gesundheitsgerechte Gestaltung von Arbeit?“ Gerlmaiers und Geigers Beitrag ist eine von mehreren Veröffentlichungen, die sich dem Thema steigender gesundheitlicher, insbesondere psychischer Belastungen und Erkrankungen im Zuge der Digitalisierung der Arbeitswelt in der ersten Hälfte des Jahres 2018 angenommen haben. Dabei richten die Beiträge das Augenmerk auf den betrieblichen Umgang mit diesen Risiken.

Eine gute Kenntnis der Ursachen, Symptome und Folgen von Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz ist nur eine Voraussetzung, um gesundheitsgefährdende Belastungen zu vermindern oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Außerdem muss gewusst werden, wie Arbeitsabläufe und -rahmenbedingungen gesundheitsgerecht für die Beschäftigten gestaltet und organisiert werden können. Die erste Voraussetzung wird Gefahrenwissen, die zweite Gestaltungswissen genannt. Beide, Gefahren- und Gestaltungswissen, werden aber nur dann zu einer Änderung der betrieblichen Praxis beitragen, wenn es überhaupt ausreichend Handlungsspielräume im Betrieb gibt.

Vor diesem Hintergrund haben Gerlmaier und Geiger in fünf Unternehmen aus der Metall- und Elektroindustrie untersucht, in welchem Umfang die unterschiedlichen betrieblichen Akteure über ein stressbezogenes Gefahrenwissen und ein arbeitsbezogenes Gestaltungswissen verfügen. Dabei ist es den Autorinnen ein Anliegen zu zeigen, dass psychische und andere gesundheitlicher Belastungen auch in der Produktion und der produktionsnahen Wissensarbeit infolge der digitalen Transformation der Arbeitswelt zugenommen haben. Denn bisher wird der Anstieg psychischer Belastungen bei der Arbeit allgemein vor allen Dingen in der Pflege und der hochqualifizierten Wissensarbeit öffentlich diskutiert.

Zwar ist Gerlmaier und Geigers Umfrage nicht repräsentativ, da die beteiligten Unternehmen sich in ihrer Größe und Wirtschaftsbereichen (Automobilindustrie, Stahlbereich, Werkzeugbau) stark voneinander unterscheiden. Trotzdem liefert die Umfrage wichtige Hinweise auf bestehende Nachholbedarfe in der Metall- und Elektrobranche.

Als typische gesundheitliche Risikofaktoren in der digitalisierten Arbeitswelt gelten: zunehmende Arbeitsverdichtung, stetig steigender Zeitdruck, regelmäßige Überstunden, ständig neue Aufgaben, Multitasking bzw. synchrone Aufgabenbewältigung bei der Bildschirmarbeit, umfassende Erreichbarkeit zu jeder Zeit und an jedem Ort (infolge mobiler Kommunikationstechnologie). Mögliche Folgen hiervon sind Erschöpfungs- und Stresssymptome. Die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben verschwimmen, so dass sich Erholungs- und Ruhezeiten verkürzen.

Aber auch die Einführung digitaler Planungs- und Steuerungssysteme birgt gesundheitliche Risiken und kann zu einem erhöhten Stresslevel, Frustration und sozialen Konflikten im Team führen. Und zwar dann, wenn die Innovationen auf Kosten der Arbeitsqualität gehen und ohne umfassende Rücksprachen und Koordination mit den Beschäftigten erfolgen, die von ihnen betroffen sind. So ein Beispiel aus einem von Gerlmaier und Geiger untersuchtem Unternehmen.

Gerlmaier und Geiger befragten Führungskräfte (VorarbeiterInnen, MeisterInnen, TeamleiterInnen, AbteilungsleiterInnen), ArbeitsschutzexpertInnen (Sicherheitskräfte, ArbeitemedizinerInnen, HR-Verantwortliche, Betriebsräte, Angelernte (MaschienenbedienerInnen), FacharbeiterInnen (InstalthalterInnen, WerkzeugmacherInnen) und WissensarbeiterInnen (Projektmanagement, Controlling, Produktionswirtschaft). Dabei kamen sie zu folgendem Ergebnis:

„Unsere ersten Befunde zum stressbezogenen Gefahren- bzw. Arbeitsgestaltungswissen deuten darauf hin, dass das Wissen um gesundheitliche Risikopotentiale bei allen betrieblichen Akteursgruppen […] als ausbaufähig zu bewerten ist. Dies gilt insbesondere für die Gruppe der Führungskräfte, da deren Wissen über die Risiken von Stress und entsprechenden Gestaltungsmöglichkeiten deutlich geringer ausgeprägt war als das der betrieblichen Arbeitsschutzakteure. Hier besteht das Risiko, dass Führungskräfte wenig Engagement für eine gesundheitsgerechte Arbeitsgestaltung zeigen, weil sie potentielle Gesundheitsrisiken falsch einschätzen […].“

Die Autorinnen ziehen richtigerweise aus ihrer Untersuchung den Schluss, dass es neuer Vorbeugungskonzepte in den Betrieben bedarf. Diese müssen zum einen Weiterbildungs- und Schulungskonzepte beinhalten. Zum anderen geht es darum, neue Möglichkeiten zu erschließen, wie Arbeit gesundheitsgerecht gestaltet werden kann. Es geht darum, das die betrieblichen Akteure sprach- und verhandlungsfähig auch angesichts der digitalen Herausforderungen im Feld des Arbeits- und Gesundheitsschutzes bleiben.  – Zu ergänzen ist hier unbedingt, dass die Mitbestimmung im Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes das zentrale Instrument ist und bleiben muss. Denn nur mit einer starken und gewerkschaftlich vermittelten Mitbestimmung kann gesundheitlichen Risiken, die im Zuge digitaler Veränderungen für die Beschäftigten entstehen, nachhaltig und wirksam begegnet werden.

In dieser Perspektive liefern zwei weitere neue Veröffentlichungen wichtige Hinweise: der 25. WSI Policy Brief 05/2018 „Betriebsvereinbarungen 2017 – Verbreitung und Trendthemen“ von Helge Baumann, Sandra Mierich und Manuela Maschke sowie der Mitbestimmungsreport Nr. 41, 03.2018 „Arbeiten 4.0 – Diskurs und Praxis in Betriebsvereinbarungen – Teil II“ von Manuela Maschke, Sandra Mierich und Niels Werner. Der Mitbestimmungsreport geht der Frage nach, was Arbeiten 4.0 bereits heute in der betrieblichen Mitbestimmungspraxis bedeutet. Unter diesem Blickwinkel wurden aktuelle abgeschlossene Betriebsvereinbarungen ausgewertet. Im WSI Policy Brief werden die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter Betriebsräten vorgestellt: In welchen Themenbereichen wurden seit 2015 neue Betriebsvereinbarungen abgeschlossenen abgeschlossen?

So ist im Feld Arbeits- und Gesundheitsschutz die Anzahl abgeschlossener Betriebsvereinbarungen seit 2015 um 15% gestiegen ist. Beim Thema psychische Gefährdungsbeurteilung ist sogar ein Anstieg von rund 20% zu verzeichnen. Zwar sind Betriebsvereinbarungen zur psychischen Gefährdungsbeurteilung nur in 30% aller Betriebe (die an der Umfrage teilgenommen haben) vorhanden. Von diesen 30% wurden aber rund 60% seit 2015 abgeschlossen. Ein weiteres Trendthema bleiben Betriebsvereinbarungen rund um das Thema Arbeitszeit (Arbeitszeitkonten, Urlaubsregelungen, Mehrarbeit). Gerade Betriebsvereinbarungen zu Arbeitszeitkonten sind das notwendige Instrument, um bei flexibler Arbeitszeitgestaltung und ständiger mobiler Erreichbarkeit Erschöpfungs- und Belastungsrisiken vorzubeugen bzw. Einhalt zu gebieten.

Tatsächlich treten Fragen rund um die besonderen Anforderungen, die ein Arbeits- und Gesundheitsschutz 4.0 in sich birgt, zumeist erst im Rahmen weitergehender betrieblicher technologischer Erneuerungen und Umstellungen auf. Gerade vor diesem Hintergrund ist Maschkes, Mierichs und Werners Mitbestimmungsreport ein sehr wertvoller Beitrag. Denn er gibt einen Überblick über aktuelle bestehende Rahmenvereinbarungen, die auf eine grundlegende und umfassendere Mitbestimmung im Umgang mit Industrie-4.0-Projekten in Unternehmen zielen.

Schließlich belegt der WSI Policy Brief sehr deutlich, dass tarifgebundene Betriebe mit einem hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad die meisten Betriebsvereinbarungen abschließen. Dies bestätigt, dass Arbeits- und Gesundheitsschutz unter digitalen Vorzeichen eine starke gewerkschaftlich vermittelte Mitbestimmung braucht.

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